Egyptian Symbols on a stone tablet

Überlegungen zu einigen Grundparametern von kultureller Entwicklung

Wahrnehmung als Basis für kognitive Prozesse

Vergleicht man die Konflikte von denen uns die Geschichte berichtet, mit den Konflikten, die wir heute haben, dann zeigt sich in erster Linie, dass individuelle Meinungen gegen individuelle Meinungen stehen. Dass sich aus diesen individuellen Meinungen dann – abhängig vom Ort und dem Umfeld der Meinungsäußerung – weitere Entwicklungen ergeben haben, die zum Beispiel auch dazu führten, dass sich tausende Krieger auf der einen Seite mit tausenden Kriegern auf der anderen Seite gegenseitig hingemetzelt haben.

Allgemein ist eventuell anzunehmen, dass es im Laufe der Menschheitsgeschichte bisher keinen Streitpunkt gegeben hat, der in einer Weise unlösbar genug gewesen wäre, um das gegenseitige Hinmetzeln von tausenden oder mehr Menschen in irgendeiner Weise zu rechtfertigen.

Es kann aber – von einem sehr gewagten Standpunkt aus – gleichzeitig angenommen werden, dass die Verantwortung für die bisherigen Konfliktlösungsmechanismen – inklusive Krieg – nicht Einzelnen schuldhaft zugesprochen werden kann. In einer Welt, in der nur ein bestimmter Umfang an Wissen zur Verfügung steht, können vielleicht und trotz aller Kreativität nur gewisse Handlungsmöglichkeiten aus dem jeweiligen Bestand von Wissen abgeleitet werden. Und selbst wenn die Möglichkeit zu anderen Handlungen besteht, bestimmt das reale soziale Umfeld zu einem wichtigen Teil, was passieren wird und was real möglich ist. – Vom aktuellen Jetzt auf das Gewesene logisch zu schließen ist nahezu unmöglich, weil ein wichtiger Teil der relevanten Parameter unbekannt ist.

Wenn wir heute vielleicht bald kriegerische Konflikte zu den Akten legen können, weil wir es vermögen, bessere, menschlich verträglichere Konfliktlösungen zu finden, heißt das nicht automatisch, dass diese Lösungsmöglichkeit vor 4 oder 8 Jahrhunderten auch schon in den Bereich der Relevanz hätte treten können.

Gehirne, Assoziationen und Präzision von Kommunikation

Wir wissen, dass menschliche Gehirne im Bereich der sozialen Interaktion zum Teil nahezu wie von allein handeln – zum Beispiel Sprache oder Emotionen hervorbringen oder Reaktionen auslösen. In einem Gespräch zwischen Menschen lassen sich beispielsweise gut sprachliche Reaktionen herausfiltern, die auf Assoziationen beruhen, die das Gehirn – anzunehmenderweise – selbst hergestellt hat. Nicht jeder sprachlichen Äußerung liegt also unbedingt ein bewusster Kognitionsprozess zu Grunde.

A Qwerty Keyboard with an intelligent Chinese overlay

Im alltäglichen Miteinander bilden assoziative bzw. spontane Äußerungen einen wesentlichen Teil der sprachlichen Äußerungen von Menschen ab. Das heißt, dass wir in vielerlei Kontexten Inhalte und Botschaften aufnehmen und prozessieren, die von unserem jeweiligen Gegenüber nicht bewusst hergestellt wurden – Inhalte, deren Sinn möglicherweise auf Basis von bisher gemachten Erfahrungen und früheren Kognitionsprozessen beruht.

Solche Inhalte bilden zwar einen wesentlichen Teil unserer Kommunikation, sie sind aber nicht notwendigerweise: präzise. Es handelt sich um Kommunikationsprodukte, die aus Situationen heraus entstehen, in denen wir uns befinden: Wir reagieren schnell und spontan, ohne darüber nachzudenken, was wir eigentlich gerade tun. Es liegt eine Dynamik zu Grunde, die Ergebnisse herstellt, die wir nicht geplant und nicht vorhergesehen haben – aus der Situation heraus entsteht eine Zukunft, von der wir bisher nichts gewusst haben.

Intelligente Algorithmen, predictions, Zukunft und Wissen

Diese Überlegungen lassen sich auch auf jene algorithmischen Nachbildungen von zwischenmenschlicher Kommunikation übertragen, die in Form von Ähnlichkeitsmustern oder in Form von predictions versuchen, eine umfassende Wirklichkeit auf Datenbasis verlässlich abzubilden. Sie sind ohne Zweifel populär, aber eben nicht notwendigerweise präzise – sie ermöglichen ein grundsätzliches Abbilden aber sie können grundsätzliche Zukunft ebensowenig vorhersehen, da sie das, was hier als Dynamik bezeichnet wurde, nicht mit berechnen können.

Update Mai 2014: Viel eher als die Zukunft zu berechnen, erschaffen Algorithmen Zukunft, da sie in vielen Fällen auf einer der gesellschaftlichen Relevanzebenen agieren, an denen wir (Gehirne, dateninterpretierende Algorithmen) uns orientieren. Wenn Gehirne Algorithmen planen oder wenn Algorithmen Algorithmen planen dann erschaffen sie Zukunft ebenso wie Menschen wenn sie Handlungen planen. Eventuell kann die Verdichtung auf Planungsebene auch erst zu bestimmten Handlungen führen, aber dies müsste man sich u.a. auf Basis eines mathematischen bzw. physikalisch-biologischen Modells genauer ansehen.

a map that illustrates weather prediction

Wenn beispielsweise zu einer Zeit, in der es noch keine Flugzeuge gibt, jemand ein Flugzeug benutzen möchte, dann ist dies mit großer Wahrscheinlichkeit aus heutiger Sicht bisher einfach nicht möglich: Das physisch präsente und funktionsfähige Flugzeug ist nicht vorhanden und selbst die bloße Idee davon fehlt. Es gibt zu diesem bestimmten Zeitpunkt einfach noch keine Flugzeuge, obwohl sie als zukünftige Möglichkeit eventuell schon vorhanden sind. Was aber ist die Möglichkeit von Vorhandensein? Was gerade der Fall ist wird bald nicht mehr der Fall sein, da alle Voraussetzungen für das, was jeweils der Fall ist, sich permanent ändern. Lassen sich aber vielleicht interrelatierte (in Verbindung stehende) Bezüge zwischen zeitlich zuerst einmal unabhängigen Möglichkeiten von Vorhandensein herstellen?

Relativität von Bezügen, dynamische Prozesse, komplexe Mechanismen

Wenn wir mit unseren heutigen Werten und Üblichkeiten nur allzuoft Vergangenes richten, vergessen wir dabei meist, dass das Vergangene nicht das Heute ist und dass die Art und Weise, wie geurteilt oder kommuniziert wurde, uns weitesgehend unbekannt ist. Wir vergessen, dass unser heutiges Wissen eben unser heutiges Wissen ist und nicht das Wissen von damals war. Dennoch hat das Wissen von damals zu einem großen Teil das Wissen von heute erzeugt. Das Wissen von heute wirkt jedoch nicht auf das Wissen von damals zurück. Es lässt sich vom Heute aus also nur sehr bedingt auf die sozialen Zusammenhänge des Gestern schließen.

Assoziationen, Erfahrungen und von unseren Gehirnen hervorgebrachte Reaktionen – oder von Gehirnen hervorgebrachte Algorithmen – bilden einen nicht zu unterschätzenden Teil von all dem was uns ausmacht, was wir tun, bauen, bevorzugen oder ablehnen etc. Wir können aufgrund von unendlich komplexen Funktionsmechnismen, die unsere Wahrnehmung und unsere Prozessierungsfähigkeit betreffen auch wahrscheinlich nur bedingt Aussagen über das Sein in unserer Zeit treffen. Aussagen sind mathematische (und textuell kodierte) Näherungswerte, die sich in komplexen, dynamischen Flächen und Räumen erkundend bewegen.

Dass wir dabei immer alles bewerten und richten müssen ist dabei vielleicht sogar eher ein Teil des Konflikts, als ein Teil einer Lösung – oder beides gleichzeitig, da das, was heute heute als Konflikt begriffen wird, sehr wohl Teil einer Lösung sein kann, wenn nämlich der Konflikt wieder bestimmte kognitive Prozesse in Gang setzt, die für eine zukünftige Generation wieder Teil einer Lösung sind.

Auch die Thesen und Überlegungen in diesem Artikel sind Produkt ihrer Zeit – Ergebnis von Erfahrungen und Assoziationen. Ein analytischer, sprachlicher Beitrag zu Sein und Existenz am Ende des von uns so bezeichneten Jahres 2012 bis (aktuell) zur Mitte des Jahres 2014 oder jetzt 2018.

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von Michael Garau / Mika Garau | intelligence at coggy.eu
29. Dezember 2012, 20. Mai 2014, 12. Juni 2015, Februar 2018