mensch baby geburt

Mensch weiß nur das, was mensch weiß

Menschen sind nur zu einem bestimmten Maß verantwortlich für das, was sie tun. Das liegt nach aktuellem Stand der Wissenschaft in den Bereichen Neurobiologie und Psychologie vor allem an der Art und Weise der Vernetzung von Daten im Gehirn. Es gibt heute kaum einen ernstzunehmenden Forscher oder eine ernstzunehmende Forscherin mehr, die bestreiten würden, dass sozialwissenschaftliche Begriffe wie “Prägung” oder “Sozialisation” letztlich nicht anderes bedeuten als die konkrete Art und Weise, wie Daten, die wir durch unsere Sinnesorgane aufnehmen, im Gehirn gespeichert und vernetzt werden [connected and even interconnected].

Es geht dabei sowohl um die “Rohdaten”, also die Objektdefinitionen, die durch konkrete Identifier in bestimmten Zusammenhängen eindeutig klassifiziert werden, als auch um die Filterprozesse, die diesen Objektdefinitionen und insbesondere der Kombination von Objektdefinitionen (Muster) nachgeschaltet sind, wie zum Beispiel die Zuweisung von Begriffen (Wörter) zu Objektdefinitionen als auch die Kontextualisierung von aufeinander abfolgenden Objektdefinitionen auf Wortbasis zu Information (Sprache / Ausdruck / expression) und im weiteren Sinn zu Kommunikation – jene auf der Wortbasis um Interpretation angereicherte Form des textuellen, visuellen, taktilen oder lautbasierten Informationsaustauschs.

Inwiefern genetisch codierte individuelle Anlagen die Art und Weise sowohl der Datenaufnahme über Sensoren (wie Auge, Nase, Ohren etc.), die konkrete Ausprägung der Speicherung oder die Art und Weise der neuronalen Verknüpfung von Nervenzellen beeinflussen wissen wir heute noch nicht – obwohl davon ausgegangen werden kann, dass es eventuell unterschiedliche Grundstadien genetischer Vor-Vernetzung im Gehirn gibt, die aufgrund ihres spezifisch codifizierten  Ursprungs verschiedene weitere Vernetzungspotentiale biologisch in eine bestimmte Richtung hin aufbaut (diese These würde sowohl biologische als auch sozialwissenschaftliche Theoreme verbinden).

Wir wissen mit sehr großer Wahrscheinlichkeit, dass nur jene Daten und Informationen von unseren Sensoren aufgenommen, und vom Gehirn verarbeitet und bewertet werden können, die tatsächlich vorhanden sind – Daten und Informationen also, die als konkretes Subjekt oder Objekt recipierbar sind: Wenn die Form “Vase” oder die Idee “Frieden” niemals im erfassbaren Bereich der menschlichen Sensoren auftaucht oder über Sprach-Bilder (oder visuelle Bilder) als “virtuelle” Form in die Sensoren eingepflegt wird, dann wird weder das Objekt Vase noch die Vorstellung von Vase noch die Vorstellung von Frieden im Individuum vorhanden sein. Gleiches (und noch relevanter) betrifft komplexere Vorstellungen von Ideenbegriffen wie: Entwicklungsfähigkeit, Gleichheit, Zurückhaltung oder eben: Verantwortung.

Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass in vielen Bereichen von Kommunikation die jeweilige Verteidigung von individuell bekannten Ideen in vielen Fällen auf eine ähnlich-identische Form der Verteidigung von bekannten Ideen trifft. Beide Konzepte unterscheiden sich jedoch voneinander, da beide zum Beispiel unterschiedliche Handlungen auf Basis von gleichen Begriffen hervorbringen. Die jeweilige Unbekanntheit der entsprechend anderen Konzeption oder Interpretation eines Begriffes wird dem Gegenüber oft als “Schuld” oder als “Unwillen zum Wissen” angelastet, obwohl dem Disput oft nur vielleicht eine unterschiedliche Konfiguration von Wissen, Erfahrungen und Erlebnissen auf der Basis einer anderen vernetzten Informationsstruktur im Gehirn der Disputiererenden zu Grunde liegt. (Links gegen Rechts, Frühbildung versus interessensbasierter Bildung etc.)

Hier liegt auch ein ganz grundlegender Fehler in der Organisation unseres (westlichen) Gesellschaftssystems (und auch bei anderen Gesellschaftssystemdefinitionen): Niemand ist “erwachsen”, nur weil er oder sie ein bestimmtes Alter (das Konzept “Jahre” ist zudem ein astronomisches) erreicht hat: Ein Mensch, der bestimmte Stadien der Bildung (entsprechend des aktuellen Stands von Verhaltensabforderung) nicht nachvollziehen kann oder erlebt hat, ist unabhängig von seinem oder ihrem Alter nicht im definierten Reifezustand, der seinem oder ihrem entsprechenden Alter zugeordnet wird. Hier befinden wir uns juristisch tatsächlich in einer Frühsteinzeit: Niemand ist auf der Basis seines oder ihres Alters  auto-matisch (automatenhaft) mündig.

Nur weil jemand rechnen oder schreiben kann, bedeutet das noch nicht, dass dieser Mensch komplexere Begriffsideen denken, entwickeln oder realisieren kann. Zahlreiche Menschen bleiben in Bezug auf die abstrakte Fähigkeit, etwas aus sich selbst heraus als gesellschaftlich verantwortungsvoll zu begreifen, ein Leben lang ein Kind. (Ganz spannend in diesem Zusammenhang: “Eltern ‘haften’ für ihre Kinder”.)

Ein Wiederaufgreifen der Idee der Aufklärung, des Humanismus,  wird in Bezug auf die Entwicklung eines nächsten kommunikativen Entwicklungsschrittes nahezu unumgänglich sein. Aktuell relevante und politisch bestimmende Ideologien bieten allem Anschein nach aktuell nur wenig Gestaltungskraft, Toleranzfähigkeit und humanitären Entwicklungssinn auf, um die anstehenden Herausforderungen in einem sozial verträglichen Sinn zu meistern – ein globales und internationales Problem.

Gesellschaften müssen immer wieder in einem Sinn gedacht werden, der die Zukunftsfähigkeit voran stellt. Negativdenken und die Konzentration auf Defizite verdichten nur die Schwachstellen und entwickeln für niemanden eine echte Perspektive.

Wir können natürlich damit fortfahren, solche Konzepte wie “Alter” oder “Geschlecht” oder den scheinbar ‘bösen’ “Kapitalismus” (der nichts anderes ist als wir) als Basis für immer weitere zukünftige Entwicklungen zu begreifen. Wir könnten sagen: Bloß weil du nicht mein Blau sehen kannst, bist du dumm.

Wir könnten aber auch sagen: Was hat es mit deinem Blau auf sich? Wir könnten auch damit anfangen zu begreifen, dass Konzepte, die nicht verstanden wurden, faktisch vom Bewusstsein nicht als reale Möglichkeit bewertet werden. Wir können begreifen, dass ein Mensch schwerlich “Recht haben” kann, wenn der andere Mensch ein ganz anderes Bild von den verwendeten Begriffen und Vorstellungen hat. Wir könnten anfangen zu begreifen, dass unsere Gehirne nur das sehen können, was sie gesehen haben und dass der große Teil des Unsichtbaren tatsächlich un-sichtbar ist und deshalb (sanft) miteinander kommuniziert und ausgetauscht werden muss.

Wir könnten auch anfangen, bereits vorhandene Konzepte der Mündigkeitsentwicklung aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Nicht zwanghaft, nicht tyrannisch, nicht ideologisch, aber langsam und im Sinne einer weiter zunehmenden globalen und gegenseitigen (zwischenmenschlichen) Verantwortlichkeit.