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Das individuelle Sehen | Teil 2

Grundsätzlich ist es so, dass der Mensch, wenn er oder sie zur Welt kommt, nichts von dem weiß, was gerade hier auf diesem Planeten wichtig ist oder nicht. Wie könnte ein gerade neu geborenes Embryo etwas davon wissen? Wie könnte das Kind auch wissen, ob es gerade in sumerische, akkadische, ägyptische, französische, mayanische, faustkeilhafte, us-amerikanische, kuba-amerikanische, russische, bulgarische, äthiopische oder indonesische Realitäten hinein geboren wurde?

Mit großer Wahrscheinlichkeit wissen selbst die Eltern des Kindes, die Regierung der Eltern des Kindes, das Militär der Regierung der Eltern des Kindes und auch die Wissenschaft der Regierung des Kindes nichts darüber, weshalb es jetzt gerade hier geboren wurde.

Religionen, Ideologien, soziale Konzepte, Parteien und individuelle Sichtweisen streiten sich darum und darüber, dem Kind im Laufe seines oder ihres kognitiven Wachstums, die jeweiligen Wahrheiten darüber mitzuteilen und zu verinnerlichen, die aus der jeweiligen inneren Sicht des losgesendeten mitteilenden Agents für ein erfolgreiches Sein im jeweiligen Zeitraum relevant sind. – Die individuelle Wahrnehmung des Kindes wird dabei dahingehend geprägt, dass eine stabile Orientierung im jeweiligen Umfeld – aus Sicht der prägenden Menschen – gut möglich ist.

Bei diesem Procedere wird oft vergessen, dass die Mündigkeit, die Erwachsenen zugeschrieben wird, oft nur juristisch existiert, nicht jedoch tatsächlich. Es wird auch oft vergessen, dass die Justiz selbst nur ein Versuch von Wahrheit ist. Dies wird angesichts privater Justizunternehmen oft nur allzu offensichtlich. Während die Richterausbildung in sehr vielen Nationen eine gewisse Besonderheit vom Individuum fordert, geht eine solche Forderung im Zuge der Beliebigkeit von Anstellung oder Nichtanstellung bei privaten Sicherheitsunternehmen oft verloren. Es fehlt dann also oft die nötige Kognitivität, die eine echte Judikative erfordert, um exekutiv wirken zu dürfen.

Nicht umsonst ist Kultur Ergebnis von Erfahrungen und Verantwortungen. Nicht umsonst ist die Konfrontation mit bestehendem Wissen in all seiner Relativität und Tiefe auch Basis für Gewaltenteilung und Machtverifikation. Während über Geschichte immer neue Funktionen und Varianten von Konfiguration entstehen, hat es sich doch als relativ verlässliches Moment herausgebildet, dass plausible kognitive Bewertungen von Sachverhalten immer auch die zugrundeliegende (fortwährend veränderliche) Bewegung von Bedeutungen und Tatsächlichkeiten sehen, prozessieren und einschätzen können.

Natürlich geraten Gesellschaften in solchen Kontexten immer an ihre Grenzen. Nicht umsonst ist Bewegung in Gesamtheit unbegreiflich. Während wir gerade noch versuchen, aufgrund eines bestehenden Sachverhaltes in Erkenntnis zu treten, verändert sich die Grundfiguration von Leben schon teilweise so nachhaltig, dass wir dann vergangene Urteile über zukünftige Relevanzen treffen. Dass wir vergangene Relevanzen in heutigen Medien abbilden. Dass wir dadurch für uns selbst wieder in Konflikte gestellt werden, die unsere zwischenmenschliche Kommunikation teilweise unmöglich oder zumindest sehr schwierig machen: Weshalb wir eventuell Waffen, Künste, Medien, Strategien, Wissenschaften oder Hoffnungen entwickeln, von denen wir uns lösungsorientierte Ansätze versprechen. Das ist auch ein grundsätzlicher Teil jener Relevanz, von der aus wir durch Geburt und Sehen uns individuell den Teil jener Wahrheit erhoffen, dem wir über Jahrmillionen in aberfacher Existenzform fortwährend nachlaufen.

Dabei erbaut jenes Streben Pyramiden, sumerische Städte, Eisenbahnen, Blumenfarmen, Lippenstifte, Autos, Religionen, smart intelligences, Verträge, Atomenergie, Landesgrenzen, biologische Tofupakete, Verwirrungen und prosaische Hilfskodierungen in Schriftform.

Der nächste Schritt wird uns hoffentlich endlich einmal über solche schönen aber doch inzwischen sehr bekannten Muster hinaus mit einer ebenso verantwortungsvollen Bewegung und Relevanz vernetzen, so dass wir dann wieder auf manchen Hügeln stehen und Städte sehen – neue Städte und andere Städte sehen, die uns dabei helfen zu begreifen, weshalb wir Kindern vielleicht hilfreich aber nicht ideologisch ausgrenzend zur Seite stehen sollten.